Eingeordnet unter: Andere Themen
-
Ben çapulcuyum »
Herr K. und das Land des Vergessens
Herr K. liebte das Reisen, und auf seinen ausgedehnten Expeditionen lernte er so manche merkwürdige Sitten und Gebräuche kennen. Gerne erzählte er von den Erfahrungen, die er in weit entlegenen Gebieten gemacht hatte und von den erstaunlichen Dingen, die er dort gesehen und gehört hatte. Sehr beeindruckt war er vor allem von dem Land des Vergessens, das er vor kurzem bereist hatte.
Dort, in jenem fernen Land, sind die Leute um so angesehener, je besser sie die Kunst des Vergessens beherrschen. Wenn sich die Leute begrüßen, mit der Frage: „Welchen Tag haben wir heute?“ So gebietet der Anstand die Antwort: „Das habe ich glatt vergessen.“ Worauf die Gesprächspartner erwidern können: „Oh, wie schön!“
In der Schule beginnt der Unterricht mit der Frage des Lehrers: „Was wollen wir heute denn vergessen?“ und wenn die Schüler dann sagen: „Oh, das wissen wir nicht mehr!“ Dann geht ein strahlendes Lächeln über sein Gesicht, und der Unterricht kann beginnen. Kommen die Kinder nach hause, dann fragen die Eltern: „Was habt ihr denn heute in der Schule gelernt?“ Und wenn eines der Kinder sagt: „Wir haben vergessen, dass acht und acht sechzehn ergibt.“ Dann sagen die Eltern: „Ist es nicht schön zu sehen, dass unsere Kinder große Fortschritte machen?“ So richtig zufrieden sind sie aber erst, wenn die Kinder selbstbewusst sagen können: „Was wir heute in der Schule gelernt haben, das haben wir schon ganz und gar vergessen.“
In der Hauptstadt des Landes wurde Herrn K. ehrfurchtsvoll eine prominente Person vorgestellt. Man raunte ihm zu, es handle sich um einen sehr reichen Herrn. Noch wenig mit den Sitten des Landes vertraut, fragte Herr K. etwas ungeschickt nach, was dieser Herr denn besitzen würde. „Aber nein,“ raunten die Leute, „er hat natürlich keinen Besitz, ganz im Gegenteil, er ist hoch verschuldet; aber er ist ein großer Meister, denn er hat das vergessen.“
Nach seiner Rückkehr dachte Herr K. unentwegt darüber nach, wie wir die merkwürdige Begabung des Vergessens für unser eigenes Land neu entdecken und besser nutzen könnten.
http://www.parkschuetzer.de/diskussionen/aktionen/themen/1817



@Gottfried: Danke.
Schöner und kürzer als in diesem Halbsatz "...er ist hochverschuldet, aber er ist ein großer Meister, denn er hat das vergessen" kann man aktuelle Politik nicht auf den Punkt bringen.
Oder auch: "Bringt doch endlich die neuen iGlasses auf den Markt!" s. Steinfest-Artikel im jpg bei http://www.parkschuetzer.de/statements/154748 ...