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Bernd Christoph Kämper »
Anfang März gab es in Italien und der Schweiz Presseberichte, die Hinweise darauf enthielten, dass Stuttgart 21 ein Großprojekt der kalabrischen Mafia ('Ndrangheta) ist.
Wolf H. Wagner arbeitet in Florenz als Italienkorrespondent für verschiedene deutschsprachige Tageszeitungen. Sein Artikel "Mafia unterwandert ganz Europa" erschien am 4.3. in verschiedenen Schweizer Tageszeitungen der NZZ-Gruppe (u.a. St. Galler Tagblatt, Appenzeller Zeitung, Schaffhauser Nachrichten, Werdenberger & Toggenburger). Online hier zu finden:
http://www.schillingreport.ch/upload/public/5/4269/140304%20St%20Galler%20Tagblatt%20Print.pdf
Illustriert wird der Artikel mit einem Foto einer Tunnelbaustelle, Bildunterschrift "Blick auf die Baustelle des Bahnhofprojekts Stuttgart 21: Auch hier soll die italienische Mafia ihre Finger im Spiel haben."
Im Text heißt es (Auszug):
"Eine neue Studie zeigt, wie die italienische Mafia ihr Geld in Europa gewinnbringend arbeiten lässt. Besonders attraktiv sind die Bauwirtschaft und die Gastronomie. Als eine der Schaltzentralen soll der Bankenplatz Zürich fungieren.Fischfang vor Asturien, Hotels im albanischen Vlora, Paläste an der Côte d'Azur: Das Kapital der Mafia-Clans verteilt sich aus Italien in alle Ecken Europas. Das Zentrum für Studien der Kriminalität der Katholischen Universität Mailand hat nun den Geldfluss und die Verteilungs-Gewohnheiten untersucht, mit denen die Mafia ihr Kapital investiert und vermehrt.
... Die Clans sind längst in fast allen Wirtschaftsbereichen Europas vertreten. Das Büro für Fianzinformation - der "Nachrichtendienst" der Banca d'Italia - hat im vergangenen Jahr 60000 verdächtige Geldbewegungen gemeldet, immerhin in einem Gesamtwert von umgerechnet 103 Mrd. Franken.
Franco Roberti, Generalstaatsanwalt zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens, sieht als Grund für die Kapitalabwanderung die geringere Kontrolle über die kriminellen Machenschaften. "Von Land zu Land gibt es unterschiedliche Normative, wie die organisierte Kriminalität beobachtet wird. Dies nutzen die Clans aus und verlegen ihre Aktivitäten an Orte, an denen sie weniger beobachtet werden."
Es war Mariä Himmelfahrt 2007, als ein Kommando der kalabrischen 'Ndrangheta vor einem Restaurant im deutschen Duisburg sechs Menschen, die sich zu einer Geburtstagsfeier getroffen hatten, mit Maschinenpistolen töteten. Das erinnerte an Clanfehden, wie sie bisher nur innerhalb Italiens ausgetragen wurden.
Sieben Jahre später ändern die Mafiosi ihre Taktik und kommen als investitionsfreudige Geschäftsleute daher. *** Zu einem der Grossprojekte der 'Ndrangheta gehört der umstrittene und nach langen Diskussionen doch in Angriff genommene Ausbau des Stuttgarter Bahnhofs. *** Ausser in Deutschland sind die Kalabreser vor allem im französischen Bausektor aktiv. Die Camorra Neapels hingegen mischt im gleichen Wirtschaftszweig mit, aber in Grossbritannien.
Die Studie der Mailänder Kriminalitätsforscher zeigt, dass 70% des Kapitals der verschiedenen Mafiaorganisationen im europäischen Ausland angelegt sind. Zu ihrer Schaltzentrale haben sich beide Organisationen den Zürcher Bankenplatz ausgesucht. (...)"Das die Mafia bei Stuttgart 21 die Finger im Spiel hat, ist naheliegend und wurde schon lange vermutet, z.B. von Petra Reski (s.u.), aber dass eher "unverdächtige" italienische und Schweizer Tageszeitungen darüber berichten, ist neu.
Ich habe den Zeitungsbericht noch nachrecherchiert. Er geht zurück auf eine qam 3. März 2014 in Mailand veranstaltete Konferenz von TRANSCRIME - Joint Research Centre on Transnational Crime der Università Cattolica di Milano und der Università di Trento zum Thema "Organisierte Kriminalität in Europa - Forschung & Politik", an der auch der Antimafia-Staatsanwalt Franco Roberti teilnahm. Unter http://www.transcrime.it/en/eventi/conferenza-la-criminalita-organizzata-in-europa-ricerca-e-politiche/ sind das Programm und die Präsentationen von Prof. Ernesto Savona (Mailand) und Michael Levi (Cardiff) online, einen vollständigen Audiomitschnitt der Konferenz gibt es unter http://www.radioradicale.it/scheda/404592/la-criminalita-organizzata-in-europa-ricerca-e-politiche
Ein Interview mit Franco Roberti brachte die Universitätszeitung cattolica news in ihrer Ausgabe vom 4. März (Wo investiert die Mafia ihr Kapital? http://translate.google.de/translate?hl=de&sl=it&tl=de&u=http%3A%2F%2Fwww.cattolicanews.it%2Fstudi-e-ricerche-dove-investe-mafia-spa, Video https://www.youtube.com/watch?v=OsRq6Pg-K0k).
Der Corriere della Sera berichtete vorab am 2. März unter dem Titel "La pesca, i supermercati, i casinò. Ecco gli affari della mafia in Europa"
http://translate.google.de/translate?hl=de&sl=it&tl=de&u=http%3A%2F%2Fwww.corriere.it%2Fcronache%2F14_marzo_02%2Fpesca-supermercati-casino-ecco-affari-mafia-europa-a085877a-a1e7-11e3-adcb-9ee016b80fee.shtml&sandbox=1Dort heißt es, die kalabrischen Clans kreisten "wie die Geier" um Stuttgart 21 und sein Mega-Stadterneuerungsprojekt, mit dem neuen Bahnhof und vor allem den neuen Stadtquartieren.
Transcrime ist das wichtigste italienische Forschungsinstitut zum organisierten Verbrechen. Sie arbeiten auch mit dem BKA zusammen. Bspw. hielt Francesco Calderoni im Oktober 2010 in Frankfurt a.M. einen Vortrag auf einer vom BKA organisierten Forschungskonferenz zur organisierten Kriminalität. Da ging es u.a. um eine Anwendung sozialer Netzwerkanalyse auf die 'Ndrangheta. Über die Verbindungsdaten abgehörter Telefonate lässt sich die Struktur und der Operationsmodus von Mafiagruppen analysieren. Bereits im September 2013 erschien ein Bericht für das EU-Parlament über The Economic, Financial & Social Impacts of Organised Crime in the EU. http://www.judicalis.org/25/post/2013/10/new-eu-parliament-report-the-economic-financial-and-social-impacts-of-organised-crime-in-the-eu.html
Am 24.03. gab es in Brüssel eine Konferenz über die Investitionen des Organisierten Verbrechens in der Europäischen Union, an der Transcrime ebenfalls beteiligt war (http://www.transcrime.it/en/eventi/conferenza-sugli-investimenti-della-criminalita-organizzata-in-europa/)
In der Zeitschrift "Sicurezza e scienze soziali" (1.2013, No.3) erschien ein von transcrime verantwortetes Heft über die Wahrnehmung der italienischen Mafia im Ausland und die Organisierte Kriminalität in Europa.
Petra Reski fragte bereits am 20.06.2011 in der taz ("Nicht suchen, nichts finden", http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=me&dig=2011%2F06%2F20%2Fa0093&cHash=d49e5661bf)
"Warum geht bei Stuttgart 21 niemand der Frage nach, ob nicht auch dort die Clans verdienen? Immerhin gilt Baden-Württemberg seit vierzig Jahren als eine Hochburg der Mafia in Deutschland. Es gibt viele Parallelen zwischen Norditalien und Deutschland, zwischen Stuttgart und Mailand, zwischen den Megaprojekten Stuttgart 21 und Expo 2015 - vor allem im Hinblick auf die Ignoranz: Sowohl in Norditalien als auch in Deutschland gibt man sich überzeugt, die Mafia sei ausschließlich ein Problem des rückständigen Süditaliens, der arbeitsame und aufrichtige Norden sei vor einer solchen Gefahr gefeit."Und in ihrem Blog am 7. November 2013: "Falls sich tatsächlich noch jemand fragen sollte, warum es in Deutschland keine wirksamen Gesetze zur Bekämpfung der Mafia gibt, ... hier ist die Antwort: Deutschland ist ein Eldorado für Geldwäsche. Nach Auskunft der Netzwerke, die sich damit auskennen, werden in Deutschland pro Jahr 50 Milliarden Euro gewaschen. http://www.petrareski.com/2013/11/07/hier-ist-die-antwort/
Vgl. auch "Organisiertes Verbrechen in der Region Stuttgart. Unsere Nachbarn von der Mafia", StZ 3.10.2010
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.organisiertes-verbrechen-in-der-region-stuttgart-unsere-nachbarn-von-der-mafia.a2359bcf-1d17-4592-abd7-b1862c516dc1.htmlWaiblingen, eine "Mafia-Hochburg"? / Waiblinger Kreiszeitung, 24.5.2012,
http://www.zvw.de/inhalt.waiblingen-waiblingen-eine-mafia-hochburg.0790546c-c8c3-4201-93df-5e745e754b93.html"Empörung. Remstal will kein Mafia-Zentrum sein", StN 5.6.2012
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.empoerung-remstal-will-kein-mafia-zentrum-sein.369cc3e6-2afe-4253-9e38-324d58333fa8.htmlStuttgart 21: Eine Hochburg der Mafia / BAA, 6. Juni 2012
http://www.bei-abriss-aufstand.de/2012/06/06/stuttgart-21-eine-hochburg-der-mafia/mit Videomitschnitten der Veranstaltung mit Petra Reski am 5.6.2012 im Kulturhaus Schwanen
http://www.kontextwochenzeitung.de/macht-markt/29/die-mafia-im-land-na-und-1536.html "...
Die Mafia im Land – na und? ..."Und es wird ein weiterer, politisch äußerst heikler Umstand im aktuellen LKA-Lagebild zur Mafia mit keinem Wort erwähnt: Gerade die 'Ndrangheta wäscht in Baden-Württemberg ihre aus kriminellen Geschäften erworbenen Gelder. Erst jetzt, nach dem Bericht der Kontext:Wochenzeitung, erwähnte LKA-Chef Schneider – wieder eher en passant –, dass die kalabrische Mafia auch Geldwäsche betreibe. Der brisante Hintergrund: seit weit mehr als zehn Der neue Justizminister Reinhold Gall. In der Opposition hatte er das Thema Mafia noch forciert, jetzt hört man von ihm nichts mehr. Foto: Jo RöttgersJahren findet in Deutschland faktisch keine effektive Geldwäschebekämpfung statt. Die OECD hat darauf wiederholt aufmerksam gemacht.
Und das Land ist dies offenbar immer noch. "Faktisch hat sich bis heute so gut wie nichts verändert", sagt Andreas Frank, der im Deutschen Bundestag inzwischen als Geldwäscheexperte firmiert. Hochrangige Ermittler geben ihm nicht nur recht, sie zeichnen ein desaströses Bild: Im vergangenen Jahr habe es in ganz Deutschland nur drei Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche gegeben. Die Konsequenz: "Mafia-Organisationen, gerade aus Italien, können die Millionen aus ihren kriminellen Geschäften in Deutschland völlig unbehindert in den Geldkreislauf eingeben und damit waschen. Die sogenannte Geldwäschebekämpfung hierzulande ist nur eine Show." Es gehe so weit, dass Polizeibeamte ihnen bekannte Banker anriefen und sie um die Abgabe von Geldwäsche-Verdachtsanzeigen bäten, wenn am Ende eines Jahres die Statistik zu schlecht aussehe. Dabei gehe es dann bewusst nur um Bagatellfälle.
Der neue Innenminister glänzt durch intensives Schweigen ..."#Immobilien #Korruption #Mafia #Baumafia #S21-Kartell #S21 #Ndrangheta #Presse #OK #Transcrime




Nach 3 Jahren berichten dann auch mal die Stuttgarter Nachrichten:
Nebulös in "Mafia nutzt Südwesten aktiv als Aktionsraum
Von Christoph Reisinger - StN, 18. Juni 2017 - 18:11 Uhr"
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.baden-wuerttemberg-mafia-nutzt-suedwesten-aktiv-als-aktionsraum.2f2c2678-d08e-4945-802a-5e2f67644ad6.html
Stuttgart/Palermo - Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA) hat in den vergangenen zehn Jahren in 35 Verfahren mit Bezug zur italienischen Mafia ermittelt. „Seit 2010 ist der deutsche Südwesten nicht mehr nur ein Ruhe-, sondern eindeutig ein Aktionsraum der Mafia“, sagten Experten der Behörde unserer Zeitung.
und mit erstmaliger Erwähnung der Stuttgart 21-Connection:
Fahndungsdruck in Deutschland fehlt
Neue Mafia ist nicht zu fassen
Von Christoph Reisinger StN, 18. Juni 2017 - 18:12 Uhr
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.fahndungsdruck-in-deutschland-fehlt-neue-mafia-ist-nicht-zu-fassen.2ef91f31-a900-4b66-b8fe-2114c1b0b479.html
Gerüchte über Einsickern in das Bahn-Großprojekt Stuttgart–Ulm
Um welche finanziellen Größenordnungen es in den Geschäften der Mafia geht, erhellte 2010 die Beschlagnahme von Besitz des Windkraftunternehmers Vito Nicastri durch die DIA im Wert von 1,3 Milliarden Euro. „Das ist ein Fall, der offengelegt hat, wie eng die Beziehung zwischen Mafia, Unternehmertum und Politik zuweilen ist, wie fließend die Grenze zwischen ihnen.“
Grenzen spielen auch für die Aktionsräume der Mafia eine abnehmende Rolle. Seit Jahrzehnten warnen Italiens ranghöchste Mafia-Jäger davor, dass Deutschland wichtigster Tummelplatz sei, um die riesigen kriminellen Gewinne in legale Geschäfte zu schleusen. Selbstverständlich zielt die Auslandsstrategie nicht darauf, wie in der Heimat Territorien zu kontrollieren. Vielmehr erlaubt es „die bemerkenswerte Fähigkeit, Beziehungsgeflechte zu bilden und sich zu tarnen“, wie italienische Experten sagen, der Mafia, in anderen Ländern Wirtschaft und Finanzsystem zu durchdringen. Das passe zur aktuellen Linie, keinen Alarm auszulösen. Erst recht nicht in Gesellschaften wie der deutschen, die kein Bewusstsein für die Gefahr haben, die auf sie zukommt.
Das große Rad, das die Mafia in Deutschland angeblich dreht, ist offensichtlich kaum zu bremsen. Die Gerüchte über ihr Einsickern in das Bahn-Großprojekt Stuttgart–Ulm? „Immer wieder untersucht, wir haben viele Hinweise, aber keine gerichtsfesten Beweise gefunden“, antworten darauf Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA) Baden-Württemberg. Die DIA lehnt unter Verweis auf laufende Ermittlungen alle Kommentare zu diesem Thema ab.
s.a. transcrime, Project OCP, Final Report: "From illegal markets to legitimate businesses: the portfolio of organised crime in Europe" / Ed. by Ernesto U. Savona and Michele Riccardi (2015) http://www.transcrime.it/pubblicazioni/the-portfolio-of-organised-crime-in-europe/
(In der Bibliographie zahlreiche Hinweise auf Verbindungen zwischen der Mafia und dem italienischen TAV-Projekt. Der Bericht nimmt 7 Länder in den Fokus, Deutschland fehlt bezeichnenderweise, obwohl es weltweit in den Top ranks der Mafia-Präsenz ist, vgl. Calderoni et al., The Italian mafias in the world: A systematic assessment of the mobility of criminal groups http://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1477370815623570, Tab. 2) #notav
Danke an BCK für die Recherchen und das Zusammensammeln der Texte.